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„Bild TV“: Gleich am ersten Abend werden Stärken und Schwächen offensichtlich
TV-Kolumne: Gleich am ersten Abend werden Stärken und Schwächen von „Bild TV“ offensichtlich
Nicht alles läuft schon rund bei „Bild TV“. Und doch führt der neue Sender mit seiner „Kanzler-Nacht“ die Platzhirsche vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen vor. Und zeigt die Kanzlerkandidaten Armin Laschet und Olaf Scholz im Stresstest – mit bemerkenswerten Erkenntnissen.
Um bewegende Bilder bemüht sich „Bild“ seit dem 24. Juni 1952. Vom Start weg zeigte die Boulevard-Zeitung auf der Titelseite und der letzten Seite nur Fotos mit Bildunterschriften. Daher, auch wenn das längst vergessen ist, der Name „Bild“-Zeitung.Jetzt also macht „Bild“ auch bewegte Bilder. Der Zeitpunkt zum Start des eigenen Fernsehens könnte kaum besser gewählt sein. Das klassische Fernsehen beschränkt sich zwischen Corona-Sparprogrammen und Sommerferienloch aufs Versenden so vieler Wiederholungen, dass aus dem Programm-Angebot eigentlich nur mehr Historiker, Museumsleiter und Masochisten Lustgewinn ziehen können. Was also kann Bild TV besser? Der Anspruch ist so vollmundig, wie man das vom Blatt der lauten Töne kennt: „Wir zeigen, was wirklich ist.“Pole-Position: „Bild TV“ zeigt den Öffentlich-Rechtlichen die RücklichterDer wirklich wirkliche Armin Laschet ist Höhepunkt von Sendetag 1, ausgestrahlt zur klassisch besten Sendezeit um 20.15 Uhr, also gegen den „Tatort“ im Ersten (Wiederholung) und ein Melodram im ZDF (von 2019). Das aktuellste aller aktuellen Themen, den „Kampf ums Kanzleramt“ traut sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen erst kurz vor 22 Uhr zu.
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Da ist „Bild TV“ schon beim Kanzlerkandidaten Nummer 2. Und das mit dem wiederholt formulierten Anspruch, die „fiesen Fragen“ zu stellen. Um es vorwegzunehmen: Es wird nicht jede Frage sitzen in dieser Nacht. Aber – der Zuschauer wird lernen, die Kandidaten Laschet und Olaf Scholz besser einzuschätzen. Und das ist ein Verdienst.„Desaster in Afghanistan: Wie viel Schuld haben Sie als CDU-Vorsitzender?“Der CDU-Kandidat und der SPD-Kandidat werden beide zu Beginn mit einem Tuch in Schwarz-Rot-Gold konfrontiert. „Haben Sie eine Deutschland-Fahne zu Hause?“, fragt der stellvertretende „Bild“-Chefredakteur Paul Ronzheimer.Und Armin Laschet gibt zur Antwort: „Nein. Aber ich habe viele aufhängen lassen. Das ist das Symbol der Zusammengehörigkeit.“ Und er nutzt die Gelegenheit, sich als Politiker noch breiter zu positionieren. Das habe er gerade als Integrationsminister gelernt, von Migranten.Viel Gelegenheit zum Punkten lässt ihm das neue Fernsehen nicht. Gleich eine der ersten der angekündigten „fiesen Fragen“ verleitet Armin Laschet, sich als Kanzler zu disqualifizieren. Ronzheimer spricht vom „Desaster in Afghanistan“. Und der „Bild“-Mann will wissen: „Wie viel Schuld haben Sie als CDU-Vorsitzender?“Armin Laschet bringt sich selbst vom Kanzler-Weg abUnd dann stolpert Armin Laschet ganz weit weg vom Weg ins Kanzleramt. Die Frage nach seiner Schuld verleitet ihn zu der Antwort, er habe nichts machen können, „weil viele andere Themen zeitgleich von einem CDU-Vorsitzenden gefragt waren“. Wenn einer als CDU-Vorsitzender schon überfordert ist in den wichtigen Fragen, wird er das Amt des Kanzlers kaum ausfüllen können.„Wir sind das Volk“: das „Bild“-QuartettZur „Bild-Kanzler-Nacht“ gehört „das Volk“. Da stellen „Bild“-Leser Fragen an die Politiker. Und es gibt „das Volk“ im Studio. Bar-Betreiberin Susanne Baró Fernández gehört dazu. Der Fleischer, und das in fünfter Generation, André Möller. Die Ex-Boxerin Regina Halmich. Und der unvermeidliche Reiner Calmund, der gerne so viel redet, dass er vergisst, was er eigentlich sagen wollte.
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Dieses „Wir sind das Volk“-Quartett soll den Auftritt der Politiker bewerten. Es ist ein Versuch, Bodenhaftung zu schaffen. Dieser Versuch scheitert. Und das allein schon wegen der allzu fragwürdigen Zusammensetzung mit zwei Promis, von denen sich zumindest der eine längst schon zum Leichtgewicht gemacht hat – und das nicht, weil es ihm gelungen ist, sein Körpergewicht dramatisch zu verringern. Calmund hat, auch wenn er viel redet, einfach nichts zu sagen.Als Bäckereiausfahrer macht Armin Laschet dann doch noch PunkteAuch Armin Laschet lässt sich zur Plauderei verführen. „Warum übernimmt in Deutschland niemand mehr Verantwortung?“, will Paul Ronzheimer wissen, als es um Afghanistan geht. Und was antwortet Laschet? „Da müssten wir zunächst den Außenminister fragen.“ Ronzheimer konfrontiert den Kandidaten mit Angela Merkel, die sich lachend im Kino zeigt, während Afghanistan zusammenbricht.„Dass man mit dem falschen Lachen fotografiert wird, habe ich ja auch schon erlebt“, bekennt Laschet. Nur einmal kontert der Kandidat, man müsse doch nicht auf jede Frage auch eine Antwort geben. Und immerhin punktet er, als es „Bild TV“ menscheln lässt.
Ein alter Freund wird eingespielt. Der erzählt, dass der junge Armin Laschet ihn einmal beim Job als Bäckereifahrer vertreten habe. Laschet: „Ich musste einmal bremsen, dann war eine ganze Ladung Teilchen durchs Fahrzeug geflogen…“ Menschelnd punktet Kandidat Laschet: Der „Volk“-Fleischer, der auch schon sehr früh ausgeliefert hat, findet: „Da ist dann schon eine kleine Sympathie da. Vielleicht hat er mich damit gekriegt.“Scholz präsentiert sich als der härtere InterviewpartnerSPD-Kandidat Olaf Scholz ist an diesem Abend der deutlich härtere Interviewpartner. „Sie müssen auch harte Antworten ertragen“, kontert er den Fragensteller Kai Weise. „Sie versuchen, Antworten zu verfälschen“, schimpft er.Und als Kai Weise ihn als „Erbschleicher“ beschimpft, der mit „Sitzen und Abwarten“ ins Kanzleramt kommen will, belehrt Olaf Scholz sehr gelassen, das Kanzleramt werde nicht vererbt, darüber werde bekanntlich ja per Wahl entschieden. Das wirkt souverän.Am Ende wird auch Olaf Scholz windelweichDoch auch kommt Olaf Scholz ins Stolpern. „Bild TV“ lädt Armin Laschet ein, seinem SPD-Rivalen eine Frage zu stellen: „Würden Sie ein Bündnis mit den Linken eingehen – ja oder nein?“ Olaf Scholz hat kein „Ja“ als Antwort. Und auch kein „Nein“. Er werde nur eine Regierung bilden, die hinter der Nato stehe. So lässt er sich alle Möglichkeiten offen.Das kann man als staatsmännisch empfinden. Oder aber als windelweich. Auch „Bild TV“ gelingt es mit seinen „fiesen Fragen“ nicht, den Pudding an die Wand zu nageln. Aber es zeigt zwei Kandidaten im Stresstest. Und bietet damit dem Wähler zusätzliche Möglichkeiten, seine Entscheidung zu treffen. Was ARD und ZDF mit einem wiederholten „Tatort“ und einem Melodram von 2019 an diesem Abend mit frisch erhöhten Gebühren sicher nicht geschafft haben.
„Hätte anders antworten müssen“: Als es um Rot-Rot-Grün geht, spricht Post Tacheles
