Es treibt sie in den Ruin: „Als würde die Seuche am Geld kleben“: Prostituierte verzweifeln an deutschem Sex-Verbot

Donnerstag, 23.07.2020, 14:14

Noch immer ist die Ausübung von Prostitution in Hamburg verboten. Die Hoffnung, dass sich das bald ändert, ist gering. Doch nicht alle halten sich an das Berufsverbot, obwohl 5000 Euro Bußgeld drohen. Einige müssen arbeiten, um sich über Wasser zu halten, andere leben von ihrem letzten Geld.

„Ich arbeite weiterhin, obwohl es verboten ist. Hartz IV ist für mich keine Option, ich will nicht auf den Staat angewiesen sein – und es würde mir auch nicht reichen.“

Viktoria More spricht bei in der „Zeit“ offen über ihren Gesetzesbruch. 100 Prozent habe ihr Umsatzeinbruch betragen, als das Berufsverbot für Prostituierte, Escorts und Sexarbeiterinnen beschlossen wurde.

Rund 400 Prostituierte und Bordellbetreiberinnen und -betreiber aus ganz Deutschland sind deshalb auf der Hamburger Reeperbahn auf die Straße gegangen. Ihre Botschaft war eindeutig: Die Branche muss endlich wieder loslegen dürfen.

Hamburger Prostituierte stellen eigenes Hygienekonzept für St. Pauli vor

Zu diesem Zweck haben Hamburger Sexarbeiterinnen aus der Herbertstraße ein eigenes Konzept für die Corona-Zeit vorgestellt. Mit Masken, Kondomen, strikten Hygieneregeln und abstandswahrenden Sexstellungen könnten ihre Dienstleistungen ohne erhöhtes Infektionsrisiko angeboten werden, sagten Mitglieder der Gruppe „Sexy Aufstand Reeperbahn“, die eine Wiederzulassung des Bordellbetriebs fordern.

Aktuell riskieren Alle, die trotzdem Sex gegen Geld anbieten, ein Bußgeld von 5000 Euro. Das findet auch Falko Drosten paradox, da sich das Sexgeschäft so zurück in die Illegalität verlagere, der sich die Branche eigentlich entwachsen sah.

„Die einzigen, die es sauber machen, die es legal machen, die sozialversichert sind und es freiwillig machen, die dürfen nicht“, stellt der Leiter des Bezirksamts Hamburg-Altona fest.

Hamburger Prostituierte vor finanziellem Kollaps: „Lebe von meinen letzten Reserven“

Das findet auch Viktoria More. „Ich bin ehrlich: Wenn es Hygieneauflagen geben sollte, werde ich sie offiziell natürlich erfüllen – oder wenn der Kunde das wünscht“, sagt sie der „Zeit“.

„Aber Arbeit mit Maske, das geht eigentlich nicht für mich. Ich glaube, dass der Mensch vernünftig genug ist, das Risiko inzwischen selber einzuschätzen und auch selbst zu tragen.“

Das sehen offenbar nicht alle so, vor allem in der Politik. Erst Ende August wird sich der Senat wieder  mit weiteren Lockerungen befassen. Doch so lange können viele Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen warten.

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„Mein Businessplan ist durch Corona nicht mehr möglich. Ich nehme keine Buchungen mehr an und lebe zu großen Teilen von meinen letzten Reserven“, gesteht Caroline R. Ubber, die seit diesem Jahr als Escort und Domina selbständig ist.

Kein Bezahlsex erlaubt: „…aber wenn ich Geld dafür nehme, ist es verboten“

Bis vor vier Jahren habe sie in einer Werbeagentur gearbeitet, sei aber dann komplett zusammengebrochen. „Erst diese neue sexuelle Freiheit hat mir geholfen, wieder klarzukommen und mich gut zu fühlen. Irgendwann kam eins zum anderen und ich wollte versuchen, damit Geld zu verdienen“, sagt sie der „Zeit“.

Doch aktuell kann sie das nicht, auch weil sie Angst hat, erwischt zu werden und das hohe Bußgeld bezahlen zu müssen.

Eines versteht sie dabei ganz und gar nicht: „Wenn ich wollte, dürfte ich jeden Abend ein anderes Date haben, dürfte am Tag mit zehn unterschiedlichen Menschen Sex haben, aber wenn ich Geld dafür nehme, dann ist es verboten. Als würde das Virus erst zu wirken beginnen, wenn Geld fließt.“

Escort empört:“Man tut so, als würde die Seuche am Geld kleben“

Auch Jana Rehberg, die neben ihrem Studium als Escort arbeitet, hat für diese Unterscheidung kein Verständnis. „Ringen ist wieder erlaubt, ich kann zur Massage gehen, aber Sexdates, für die Geld gezahlt wird, bleiben verboten“, zählt sie in der „Zeit“ auf.

„Statt sich jetzt darum zu kümmern, wo in der Branche etwas schiefläuft, wo es vielleicht mehr Sozialarbeit bräuchte oder Unterstützung, tut man so, als würde die Seuche am Geld kleben und als seien wir das größte Infektionsrisiko des Landes.“

Dabei stört sie auch, dass aus der Pandemie ganz andere Schlüsse hätten gezogen werden können. „Man hätte verbesserte Hygienestandards etablieren können, versuchen können, die Dumpingpreise zu erhöhen und denen, die tatsächlich nicht in dem Beruf arbeiten wollen, den Ausstieg erleichtern können“, sagt die Studentin. „Stattdessen gibt es Bußgelder, die einzig und allein die Sexworkerin zahlen muss.“

Dabei nennt sie ein schockierendes Beispiel: Eine Bekannte habe aus Geldnot wieder Termine angenommen und sei durch einen Tipp aus der Nachbarschaft erwischt worden.

„Ich denke, alle können sich vorstellen, wie sie jetzt versucht, an das Geld für die Strafe zu kommen“, sagt Rehberg und kritisiert noch etwas anderes: „Es ist schlimm, wie stark das Stigma der billigen, dreckigen Hure, die ausgebeutet oder zwangsprostitutiert wird, noch in unseren Köpfen ist.“

„Nähe und Sex sind menschliche Grundbedürfnisse. Viel mehr als das nach Billigfleisch.“

Der Staat gewährt Freiberuflern und Selbständigen immerhin eine einmalige Finanzhilfe von bis zu 9000 Euro. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sind Prostituierte dabei mit inbegriffen. Doch Sexarbeiterinnen mit ausländischer Staatsbürgerschaft gelten für gewöhnlich als nicht förderfähig. Viele Prostituierte sind außerdem selbständig und können daher keine Kurzarbeitshilfen beantragen.

Dabei ist die finanzielle Komponente nicht das einzige Problem. „Ich vermisse die realen Treffen“, gesteht Rehberg in der „Zeit“. Sie treffe die Männer immer für mehrere Stunden, um zusammen zu essen, sich zu unterhalten und auch Sex zu haben.

„Aber daran ist doch nichts Verwerfliches“, findet sie und zieht einen interessanten Vergleich. „Nähe und Sex sind menschliche Grundbedürfnisse. Viel mehr als das nach Billigfleisch.“

Dinner-Dates biete sie schon wieder an, zwei Stunden im Restaurant – allerdings ohne Sex. „Aber natürlich geht es meinen Kunden auch darum, und das sollte auch nicht verboten sein.“

Hamburger Escort attackiert Politik: „Sie wollen uns nicht mehr“

„Ich habe Angst, dass das temporäre Berufsverbot ein dauerhaftes wird“, gibt Caroline R. Ubber zu und fragt sich, was in letzter Konsequenz passieren könnte. „Was wäre außerdem die Alternative? Hartz IV? Alle Sexarbeiterinnen an die Supermarktkassen? Ich glaube kaum, dass die Menschen das wollen.“

Daran, dass man die Sexarbeiterinnen in der Politik vergessen hat, glaubt sie nicht. „Wir sind viel zu laut und viel zu präsent, als dass man wirklich glauben könnte, die Politik denke einfach gerade nicht an uns“, meint die Escortdame und hat eine ganz andere Theorie.

„Sie wollen uns nicht mehr. Kein Bundesland traut sich den ersten Schritt zu machen und Sexarbeit wieder zu legalisieren.“ Auch die Gerichte unterstützen die Regeln der Länder.

„Erst hat man uns den Beruf verboten und jetzt will keiner helfen“

Anfang Juni hatte der Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel den Antrag einer Bordellbetreiberin aus Offenbach abgelehnt, die sich gegen die Pandemie-Beschränkungen des Landes Hessen gewehrt und ein Hygienekonzept vorgelegt hatte.

Die Schließungen seien angesichts des „nach wie vor fragilen epidemiologischen Geschehens“ sowie des für Bordelle typischerweise schnell wechselnden Aufenthalts von Personen gerechtfertigt und verhältnismäßig, befanden die Richter.

Das sieht Viktoria More ganz anders und verweist auf ein eigenes Erlebnis nach der Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Hamburger Herbertstraße. „Die Menschen treffen sich, sie trinken, sie tragen keine Maske – aber wir dürfen immer noch nicht arbeiten“, bemängelt die Hamburger Escortdame und spricht aus, was viele denken.

„Das Verbot macht unsere Arbeit wieder unsicherer. Dass die Sexarbeit so lange verboten ist, ist eine Katastrophe. Alles, was wir uns über Jahre an Normalität, an Achtung und Respekt erkämpft haben, wird jetzt einfach wieder zurückgedreht.“

Sie fühlt sich wie viele Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen ungerecht behandelt und im Stich gelassen. „Erst hat man uns den Beruf verboten und jetzt will keiner helfen.“

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